2012 – Clavigo

Claviga

frei nach Goethes: Clavigo
Eingeladen für das Land Hessen zum Schultheater der Länder (SDL) nach Schwerin, Vorauswahl TTJ Berlin, Gastspiel in  Prag

 

Das neue Stück der TEGS (Theater AG der Ernst-Göbel-Schule) ist fertig! Noch wirkt der großen Erfolg und die Einladung ihrer letztjährigen Produktion „Adam, Eisbär, weiß wer…“ frei nach Kleists „Zerbrochenem Krug“ zum Theatertreffen der Jugend in Berlin nach, als Studiendirektorin Eleonora Venado mit kreativen Methoden die OberstufentheaterAG auf die neue Produktion einzustimmen beginnt. Es wurden Gedichte verfasst, Figuren geknetet, Rollenbiographien geschrieben und autobiographisches Material inszeniert. So schrieb eine Schülerin in einer Rollenbiographie zu einer Knetfigur: „Meine Figur genießt das Leben wie es gerade kommt. Von Verpflichtungen hält er noch nicht viel. Lieber reist er gerne durch die Welt, geht gerne feiern oder mit seinen Freunden einen trinken. An die Zukunft verschwendet er nicht viele Gedanken. Sein Motto ist: „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“. Darum möchte er sich auch nicht an eine feste Freundin binden. Zwar hatte er schon Beziehungen, die jedoch nie lange hielten…“ Google gab dann den Ausschlag: „Unentschlossenheit und Theater“ führte direkt zu Goethes Stück „Clavigo“.


 

Die Handlung:
Clavigo ist ein mittelloser Schriftsteller aus der Provinz, als er nach Madrid kommt. Dort findet er Unterstützung in einem Hause, in dem auch Marie, eine Französin, ebenfalls mittellos, lebt. Beide verlieben sich, und Clavigo gibt ein Eheversprechen, das er nach Erlangung einer Stelle einlösen will. Als Clavigo 

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Archivarius des Königs wird, ist der Zeitpunkt eigentlich gekommen, nunmehr hat Clavigo allerdings auch andere Möglichkeiten, am Hofe des Königs nach oben zu kommen und erfolgreich zu heiraten. Obwohl sein Herz nach wie vor an Marie hängt, löst Clavigo auch unter dem fatalen Einfluss seines Freundes Carlos die Verlobung. Als Maries Bruder Beaumarchais nun Rechenschaft von Clavigo fordert, macht dieser einen Rückzieher und will Maries Liebe wieder erringen und sie heiraten. Dieser Gesinnungswandel hält nicht lange vor, der wankelmütige Clavigo wird von Carlos erneut bestimmt, die Verlobung ein zweites Mal zu lösen.
Marie stirbt vor Gram, an ihrem Sarg wird auch Clavigo von Beaumarchais getötet. Clavigo will sterben, um endlich mit Marie zusammen zu sein.
Die Interpretation Goethes:
Hat sich jemand schuldig gemacht, wenn er seine Verlobte verlässt? Darf ein Mann eine Verlobung lösen, wenn er beruflich anders weiter kommt? Auch wenn er das Mädchen wirklich liebt? Liebt er das Mädchen wirklich? Es geht letztlich um den Widerstreit zwischen praktischer Vernunft und Gefühl.
Goethe:
Die Story ist mehr oder weniger biografisch. Goethe sah gut aus, war gefühlsbetont und gebildet, hatte keine finanziellen Sorgen. Da er es auch darauf anlegte, den Frauen den Kopf zu verdrehen, pflasterten gebrochene Frauenherzen seinen Weg. Im Falle von Clavigo (= Goethe) war es Friederike Brion in Sesenheim, der er als junger Student das Herz raubte. Lange Zeit hatte Goethe wohl auch ein schlechtes Gewissen, nachdem er sie sitzen gelassen hatte. Die Rache-Variante stammte aus einer spanischen Quelle.

 


 

Die Interpretation der TEGS:
Vom Thema zum Stück:

„Unentschlossenheit“ war das Thema, mit dem sich die Gruppe im Dezember 2011 beschäftigte. So schrieb eine Schülerin in einer Rollenbiographie zu einer Knetfigur: „Meine Figur genießt das Leben, wie es gerade kommt. Von Verpflichtungen hält er noch nicht viel. Lieber reist er gerne durch die Welt, geht gerne feiern oder mit seinen Freunden einen trinken. An die Zukunft verschwendet er nicht viele Gedanken. Sein Motto ist: „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“. Darum möchte er sich auch nicht an eine feste Freundin binden. Zwar hatte er schon Beziehungen, die jedoch nie lange hielten…“ Google gab den Ausschlag: „Unentschlossenheit und Theater“ führte direkt zu Goethes Stück „Clavigo“.
Narzissmus:
Attraktiv, erfolgreich, dominant, selbstbezogen und rücksichtslos; ein „gesellschaftlicher Virus“ habe viele Menschen befallen, sagt der Sozialpsychologe Professor Hans Bierhoff von der Ruhr-Universität Bochum, und das sei der Narzissmus. Narzissten verlangen viel von den Menschen, mit denen sie leben: Bestätigung, Bestätigung und noch einmal Bestätigung. Wehe denen, die im Narzissten auch Kontakt, Mitgefühl oder Solidarität suchen, sie werden enttäuscht werden. Laut Bierhoff trifft man immer öfter solche Menschen, die eine eigentlich ganz normale Wertschätzung der eigenen Person in den Wahn einer unerschütterlichen Selbstverherrlichung gesteigert haben. „Narzissten wirken sehr attraktiv und können außerordentlich charmant um einen Partner werben und ihn für sich einnehmen“, sagt Bierhoff. Allerdings strauchelt der Narziss dabei, die Beziehung zu erhalten und zu pflegen. Partnerschaften, die idealerweise auch dazu dienen, Schwächen des anderen zu tragen und zu würdigen, sind ihm deshalb ein Gräuel.


 

Die Form:
Nicht der Text „Clavigo“ an sich, sondern die darin enthaltenen Themen bilden die Grundlage zur Inszenierung der TEGS, die Goethes Text diesbezüglich sehr ernst nehmen und folgende Inszenierungsentscheidung getroffen haben:
Das Thema: „Narzissmus“ wird in einem modernen Frosch-Märchen sehr frei nach Eibe Meiners im Stummfilmgenre bearbeitet,
Die Geschichte „Clavigos“ wird verkürzt und in eine Geschichte „Clavigas“ umgewandelt
Goethe wird mit Zitaten und Gedichten vorgestellt: Dabei kommt auch ein Auszug aus einem Protokoll zum Seminar: „Bürgerliches Trauerspiel“ der germanistischen Literaturwissenschaften der Universität Jena zum Einsatz, das die revolutionäre Denkweise Goethes mit seiner „Geniethematik“ und dem „Konzept der Individualisierung“ in Clavigo hervorhebt

 



Philosophie:

Das „Ich“ muss zwischen Moral und dem Unbewußttriebhaften entscheiden.
Wenn Gefühle vernünftig sein können, dann kann man mit ihnen Handlungen entschuldigen oder rechtfertigen. Sie werden benutzt, um sonst Unerklärliches zu erklären (aus Eifersucht getötet, vor Liebeskummer gestorben). Liebe lässt sich nicht nach Wahrheitsbegriffen verifizieren, da sie über die symbolischen Handlungen hinaus in den Unschärfen eines wechselseitig unbewussten Begehrens und der Unmöglichkeit eindeutiger Verständigung wurzelt. Sie trägt eine imaginäre Seite, die das reale Liebesverhältnis weit überdauern kann.

A:    Das ist der schönste Augenblick in meinem Leben
B:    Das hab ich schon hundertmal von dir gehört

Gefühle erleben wir zwar unmittelbar, aber sie sind Spiegelungen von Selbstwertgefühlen, als Begehren nach Anerkennung, Geborgenheit, Zärtlichkeit, Sexualität, als Erlebnisse der Lust, der Freude, usw und. zirkulär mit unseren bisherigen Erlebnissen und unseren imaginären und symbolischen Verarbeitungsmustern verknüpft.